Mein Leben prägt mein Lehren – Gespräch mit Georg von Nessler, Otto Herz und Alfred Fuhr – Januar 2018

Gespräch mit Georg von Nessler,  Otto Herz und Alfred Fuhr am 18.01. 2018
Georg v. Nessler: Wie haben wir uns eigentlich kennen gelernt?
Otto Otto Herz: Weiß ich gar nicht mehr, muss mal überlegen?
Alfred Fuhr Vielleicht beide mal gemeinsam überlegen…

Georg v. Nessler: Ich weiß es jetzt wieder, bei einem Vortrag. Das hat mich interessiert, das Thema, und danach bin ich dann zu dir gekommen und Zack –

Otto Herz: Ja, ich habe eine Veranstaltung gehabt. Ich war zehn Jahre hier in Leipzig an der Universität Lehrbeauftragter und habe dann immer Veranstaltungen anderer Art gemacht als an der Fakultät. Und ich finde, es darf niemand pädagogisch tätig werden, der nicht seine eigene Lernbiografie untersucht hat. Sonst fällt er in die Fallen seiner Lerngeschichte. Und deswegen gehört es zu meinen Forderungen, biografische Selbstreflexion als Pflichtbestandteil der Ausbildung aller pädagogischen Berufe.

Alfred Fuhr<:  Was ja meiner Erfahrung nach beim Soziologiestudium automatisch passiert. Was man neues erlernt hat, führt einen in eine Krise, daher gibt es dort eben auch viele Studienabbrecher, da müsste vorher eine Selbstreflexion passieren, die wird aber nicht angeboten.

Otto Herz: Nein. Und deswegen habe ich das in meiner Rolle als Lehrbeauftragter, dann immer dort wo ich diesen Bedarf, wo ich Defizite sah, das dann selbst gemacht. Und vielleicht  sind wir da zum ersten Mal zusammen getroffen, habe eine Veranstaltung hier im Haus gemacht. Ich bin dann immer aus der Uni raus gegangen, die Veranstaltung hieß: Mein Leben prägt mein Lehren. Und dann habe ich das an meiner Biografie vorgeführt. Dass ich in einem Luftschutzbunker geboren bin. Und eine Kriegsurlaubszeugung bin. 1944 war mein Vater im Russlandkrieg. Als Nazi. Hatte Urlaub, hat mich gezeugt war verschwunden. Ich hab den kennen gelernt da war ich fünf. Ein fremder Mann. Und dass hat dann natürlich mich stimuliert über den Kontext nachzudenken. Und dann um einen Sprung zu machen, bin ich als Sohn eines Waffen –SS Kommandeurs in eine jüdische Schule gekommen. Und das fordert einen Menschen anders heraus als wenn er immer in seiner soziologischen und sozialen Kategorie gefangen bleibt.  Und das hab ich dann hier außerhalb der Universität eingeladen, ich zeig es euch, ich stell es euch an mir vor und stelle mich euren kritischen Fragen. Als Impuls, damit ihr euch fragt: Wie ist denn das bei mir gelaufen?

Alfred Fuhr Das kommt ja dann automatisch.

Otto Herz: Das passiert. Aber es muss jemand zeigen. Und in der Personalisierung, meiner Person kriegt es eine größere Lebenskraft. Als in abstrakten soziologischen Kategorien oder gar durch Stäbchendiagramme bei PowerPoint.

Alfred Fuhr Lacht. Nessler. Lacht

Georg v. Nessler: So haben wir uns kennen gelernt. Und dann haben wir das sortiert, und gefragt: Was machen sie denn so?

Alfred Fuhr Vielleicht das noch als Ergänzung: Ich habe wahrscheinlich mein Soziologie Studium nur deshalb erfolgreich beendet, weil ich rechtzeitig Norbert Elias: „von dem was ich lernte“ gelesen habe. Es ist vielleicht nicht ganz unnütz für das Verständnis einer Theorie die Biografie des Theoretikers heran zu ziehen und sie zu kennen.

Otto Herz: Ganz klar.

Georg v Nessler: Essenziell

Ich habe dann mal Professoren interviewt, um heraus zu bekommen, wie sie den Sprung vom Studierenden zum Lehrer geschafft haben. Da bekam ich Stories erzählt. Er habe viel gelesen, er habe dann einen Job in der Bibliothek bekommen und so sei dann alles so gekommen. Und da hatte ich schon Zweifel, für mich war das eher so, du brauchst so einen der auf dich aufmerksam wird, so einen Doktorvater, von dem erzählen ja alle auch gern, Aber vor allem muss dazu die Möglichkeit geben, dass Du jemanden auffällst. Das er in dir was sieht, Und dazu braucht es Glück, oder Zufall oder es ist manchmal einfach tragisch, dass viele dabei übersehen werden. Gleiches gilt für eine Stadtteilbildungskonzeption. Es gibt ja schon einiges. Erzählcafes, nur da wird dann gesagt, wir müssen etwas für alte Leute machen. Und dann kommen Studierende, die aber nur ihr fachliches, meist historisches  Erkenntnisinteresse mitbringen. Von daher fände ich spannend einen neuen Lernort zu haben, wo alle etwas davon haben, die etwas voneinander lernen oder zusammen was Neues lernen wollen.

Otto Herz: Dieser Raum hier sieht so aus weil ich aus der Universität ausgebrochen bin und gesagt habe, wir machen diese Veranstaltung bei mir. An der Uni fehlt mir was, hier haben meine Seminare stattgefunden und hier finden sie auch immer noch statt.

Alfred Fuhr Ja, das ist ja bei der Arbeit von Georg auch so.

Georg von Nessler: (lacht) Du hast noch etwas erwähnt, in diesem Vortrag, was mich sehr gewundert hat. Das die Universität, deine Fakultät dir erst gar nicht verschiedene Räume zur Verfügung gestellt hat.

Otto Herz: Ja.

Georgv. Nessler: Wo du dann in die Diskussion mit dem Dekan gegangen bist. Erzähl das doch bitte noch mal

Otto Herz: als ich hier Lehrbeauftragter wurde, weil ich halt in Leipzig war, der Universität immer verbunden war, den Universitäten, dann waren das aber so versiffte, lieblose Räume, dass ich zum Dekan gegangen bin und hab gesagt : Da soll ich zukünftige Lehrer ausbilden? Die kommen so grau und lieblos da raus wie diese Räume. Da hat er gesagt, müssen sie verstehen, wir haben kein Geld, und so. Und dann habe ich ein Seminar über Selbstwirksamkeit gemacht. Ein wichtiges Persönlichkeitskonstrukt. Und dann habe ich das den Studenten erzählt und dann haben wir über Nacht so einen Raum mal schwarz gestrichen.

Alfred Fuhr Cool

Otto Herz: Und das fiel dann natürlich auf. Das versiffte Grau haben sie alle hingenommen. Aber einen schwarzen Raum. Da gab es einen Aufstand! Wie kommt der dazu? So. Habe ich dann gesagt: Damit es auffällt! Damit ihr das nicht hinnehmt. 10 Jahre seid ihr schon hier. Nix geändert. Ich, in einer Nacht hab es geändert. Und dann gab es natürlich Krach. 4 Wochen später habe ich Antiquitäten

gesammelt in der Stadt und dann haben wir den schönsten Raum ausgestattet. Und dann haben die erlebt. Wir können was ändern.

Georg v. Nessler: Also da wird mir immer mehr klar, so für mich, ich aus der Wirtschaft kommend , Marketing und und und , lerne jetzt, wie wertvoll sozio- kulturelle Bildung ist, was sie für Aufgaben erfüllt und dass zu diesen Säulen in einer Institution, wie immer sie auch heißt, die eigene Selbstwirksamkeit gehört. Im Töpferkurs. Impro Theater. Ich weiß nicht was es alles gibt, ja. Wir müssen mehr Räume schaffen, und besonders den jüngeren – aber auch den älteren Selbstwirksamkeit erleben lassen, dem alten pensionierten Schreinermeister, den keiner mehr braucht, ja zu zeigen, dein Wissen, dein Erfahrungswissen, ist noch wertvoll. Für andere.

Otto Herz: Ja. Ist doch klar

Georg v. Nessler: Wenn du bereit bist es zu teilen mit jungen Menschen.

Otto Herz: als ich Schulleiter war, Einschulung, da war der Raum leer. Und die Einladung an die Eltern hieß: Lasst eure Kinder den Sitzgegenstand mitbringen, auf dem sie am liebsten sitzen. Und dann haben wir die ersten 14 Tage nur unseren Raum eingerichtet. Jedes Kind hat einen eigenen Popo. Und dann kriegen sie alle den gleichen VS Stuhl. Geht doch nicht! Dann gab es aber die Einwände: Ja, Dann bringt der eine einen Schemel mit und der andere einen Thron. Und da sage ich: Ist doch wunderbar! Und dann lernen wir regeln, dass wir die untereinander austauschen. Dem dem es schlecht geht, der darf heute auf den Thron.

Alfred Fuhr Genau

Otto Herz: Und dem es nix ausmacht, der hockt sich auf den Boden. Und jetzt könnte ich euch einen Zeitungsartikel holen aus Detmold, groß in der Zeitung; „Reformpädagoge unterrichtet auf dem Fußboden!“

Alfred Fuhr Ja. Meine einprägsamste Erfahrung aus der Gesamtschule: Wir sind in diese nagelneue Schule gekommen, und das erste was wir mit der Lehrerin gemeinsam gemacht haben, war dieses Mobiliar zu recht zu ruckeln. Das war ja für uns, die wir aus der Grundschule kamen, völlig ohne Selbstbewusstsein, ein Signal. Wo wollt ihr sitzen? Wie wollen wir das machen? Und da haben wir geguckt und gemacht. Dann haben zwei Leute einen Tisch erstmal schräg gestellt, weil sie es dann so gut fanden, und die hat uns das machen lassen.

Otto Herz: Ja.

Alfred Fuhr Und da hab ich gemerkt: Hier geht was anderes ab. Als in der Schule, wo ich her kam.

Otto Herz: Weil die alte Tradition der Schule,  einordnen und unterordnen … und wenn heute gesagt wird: Der Mittelpunkt der Schule ist der Unterricht, dann sage ich, dazu habe ich eine Postkarte, die könnt ihr gleich haben, :Es geht nicht um das Unterrichten, es geht nicht um das Abrichten, es geht um das Aufrichten. Und da muss man natürlich ganz andere Sachen machen, Und ganz genau gesagt, geht es nicht mal um das Richten, sondern auf das Bauen. Das ist die Pointe. Und das war der Geist der 68 er. Mit den Gesamtschulen.