Zusammen Leben lernen – Nicht nur im Binnenraum der Schule – Interview mit Otto Herz zu Lernen im Stadtteil

Interview mit Otto Hertz 18.1.2018,  Auszug aus eben diesem:
Otto Herz: ” Nicht Komma Regeln, nicht das Partizip Perfekt. Sondern das Zusammen Leben zu lernen und dieses nicht mehr zu beschränken auf den Binnenraum der Schule, sondern alle Bürgerinnen und Bürger, von den Kleinkindern an, leben in den Stadteilen, leben in der Stadt und deswegen gibt es eine neue Bewegung des Zusammen Führens aller Lernenden in der jeweiligen Community. Und wenn ich das mit der Digitalisierung, mit den neuen technischen Möglichkeiten gleich verbinden darf, dann sage ich auch noch dazu, auf meinem Stundenplan heute, stünde Skypen”
Alfred Fuhr:  Was ich interessant für unser kleines Interview finde ist, Sie als Erfinder der Community Education zu fragen, wo sie die Anknüpfungspunkte für die Digitalisierung, die nach meiner Beobachtung im Moment noch keinen richtigen Anschluss an die Bildung und die Schulen gefunden hat, sehen, welche Rolle kann Pädagogik, dort spielen, wenn Pädagogen derzeit noch mit Recht sagen, das ist ja nur eine neue Technik, warum sollen wir dafür alles über Bord werfen? Ich glaube dass man daher für die Digitalisierung Menschen braucht, die Verantwortung übernehmen, die sich Gedanken über digitale Erziehung machen, Dialog zwischen analog und digital ermöglichen und diese moderieren, und daher an Sie die Frage: Wie schaffen wir es aus der realen Stadt Leipzig eine analoge und digitale lernende Community zu machen? Mit den Möglichkeiten und den ganzen Risiken, die die Digitalisierung in sich birgt.
Otto Herz: Menschen sind auf das Zusammenleben mit anderen Menschen angewiesen. Das Zusammenleben fördern wir durch das zusammen leben. Der Ort, wo alle Kinder und Jugendlichen sind, nicht immer freiwillig, aber das sind alle, das ist die Schule, als die totalste Einrichtung, die diese Gesellschaft geschaffen hat. Das Zusammen Leben zu lernen ist der wichtigste Auftrag der Schule. Nicht Komma Regeln, nicht das Partizip Perfekt. Sondern das Zusammen Leben zu lernen und dieses nicht mehr zu beschränken auf den Binnenraum der Schule, sondern alle Bürgerinnen und Bürger, von den Kleinkindern an, leben in den Stadteilen, leben in der Stadt und deswegen gibt es eine neue Bewegung des zusammenführens aller Lernenden in der jeweiligen Community. Und wenn ich das mit der Digitalisierung, mit den neuen technischen Möglichkeiten gleich verbinden darf, dann sage ich auch noch dazu, auf meinem Stundenplan heute, stünde Skypen
Alfred Fuhr: Ja.
Herz: Und jeder Schüler, jede Schülerin hätte 2- 3 Freunde in der ganzen Welt, und sie hätten die Zeit einmal in der Woche mit ihren Freunden zu skypen, und dann gibt es einmal in der Woche eine Versammlung, wo die einzelnen berichten, was sie gehört haben, aus den entferntesten Winkeln dieser Erde, und das ist heute Geografie, das ist heute Geschichte, das ist heute Friedenserziehung, das ist heute leben in der modernen Welt, als einer Welt. Ich sage: Ich bin Planetarier, und deswegen verstehe ich das Problem mit den Inländern und den Ausländern überhaupt nicht. Ich bin Planetarier und so haben wir heute für die Weltbürger des 21. Jahrhunderts, für die Kinder und Jugendlichen, für die Eltern, Pädagogik und Erziehung zu gestalten.
Alfred Fuhr: Ahm. Mir fällt dazu sofort dieser schöne Satz ein: Wenn ich ein Kind erziehen will, dann brauche ich nicht nur Vater und Mutter alleine, sondern ich brauche dazu ein ganzes Dorf.
Hertz: So ist es
F: Ich bin eben auch wirklich auf einem Dorf groß geworden, für mich war das immer klar, weil, wenn man Glück gehabt hat, hatte man eine gute Familie, ansonsten gab es auf dem Dorf immer irgendjemanden, eine Nachbarin, wo man hin flüchten konnte…
Herz: Genau
F: Wir z.B. hatten einen Tagesverkauf, ich habe die Zeitungen ausgetragen…
Herz: Oh ja
F: man brachte den Nachbarn Getränke, ohne dass es sowas wie den Delivering Service gab, dann war das so, wenn ich zu den Leuten hin bin, dass ich das Gefühl hatte diesen abgeschlossenen Familienverband zu erweitern, als Kind oder Jugendlicher erlebt man ja seine Familie ja abgeschlossen, und es gibt so Familiengeheimnisse und die Familie ist so das erste wohin man sich zurückzieht und etwas abwehrt. Aber wenn man z.B. in einer Familie gross wurde, wo es ganz wenig Bücher gab, wo man gesagt bekam: Lesen verdirbt die Augen. Ich habe die ersten Impulse bekommen über meinen Familienverband hinaus, die Dorfstrukturen, in mein Gehirn hinein zu denken, da gab es Leute, die haben, wenn man sie besucht hat, Ihnen irgendetwas vorbei gebracht, mal gesagt: Komm mal mit, oder sie fragten: Kannst du schon englisch? Nö, habe ich gesagt. „Das wirst du lernen,“ haben sie gesagt. Und dann bekam man Bücher gezeigt, und wenn man seine Arbeit geleistet hatte, dann durfte man dort diese Bücher lesen. Ich glaube daher auch, dass wir zurückkommen müssen, dass wir die Individualgesellschaft und durch die Digitalisierung das one- to one- Gespräch überwinden müssen, und dass wir aus der großen Stadt wieder einen Lernort machen. Indem wir die, die gewillt sind zu lernen, mit denen zusammen bringen, die auch gewillt sind zu lernen. Das ist was mir in der Debatte um die Stadtentwicklung bisher fehlt. Selbst in den Mehr Generationenhäusern, geht es mehr darum in einem Haus durch Sozialarbeiter Beratung bei Problemen anzubieten. Wo sehen sie hier für die Großstadt Möglichkeiten, denn Großstadt ist ja oft eher Übersehen des Fremden, wie es Georg Simmel beschrieben hat. Man muss ja dazu praktisch Räume schaffen, damit die Stadt ein Lernraum wird. Siehe derzeitige Ausstattung der Schulen, da brauchen wir neue Räume. Das dürfen aber keine Schulen sein.
Herz: Ich habe mir angewöhnt das Wort Schule eher aus meinem Wortschatz zu streichen. Ich spreche von und gestalte real mit Bildungslandschaften. Ich habe sieben Jahre für das Land Nordrhein- Westfalen ein Projekt geprägt, das hieß Gestaltung von Schulleben und Öffnung von Schule. Das hieß einerseits, dass die Schulen wunderbare Arbeit, die sie auch machen, in die Öffentlichkeit tragen, die Stadtteilkultur, die Stadtkultur, mitprägen. Und umgekehrt, dass alle Bürgerinnen und Bürger, des entsprechenden Umfeldes, Partner von Schulen sind. Und diese Art des Dialogisierens ist die angemessene Form und konkret sieht das aus, dass die Zeitzeugen, die vielleicht gerade noch den 2. Weltkrieg oder zumindest die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bewusst erlebt haben doch lebendiger berichten können, über ihr Leben, ihr Lernen als ein Schulbuch. Natürlich muss das begleitet werden durch wissenschaftlich- kritische Reflexion, aber alle diese Lernprozesse sind heute modernes Leben und Lernen und nicht von 8-9 Nebenflüsse, 9-10 Nebensätze, von 10- 11 soll man seine Gliedmaße umso eine relativ einfallslose Einrichtung wie eine Reckstange herumwickeln, und von 12- 1 ein Verhältnis zum lieben Gott aufbauen. Diese Art von Stundenplan Schule ist überholt.
F: Sie haben sowas Schönes geschrieben, das möchte ich jetzt einmal vorlesen: „ Man sollte lieber fischen, segeln oder tanzen gehen… oder da fällt mir spontan skateboarden ein, weil ich das in Frankfurt jeden Tag beobachten kann, wie Jugendliche sich im U-Bahn Vorraum schaffen sich die Jugendlichen einen überdachten Raum, wo sie ihre Skateboard Kunststücke ausprobieren, man sollte lieber fischen, segeln, tanzen gehen, als dass man Dinge lernt, die keinerlei direkte oder indirekte Auswirkung auf das eigene Leben haben.
Herz: Das ist ehrlicherweise ein Zitat von Erich Fromm.
F: aber schön.
Herz: Wunderbar.
F: Was mir dazu einfällt, ist, wenn ich mir die PISA Ergebnisse angucke,
Herz: Ja.
F: da werden bestimmte Ergebnisse medial groß aufgeplustert, aber in den Studien steht auch anderes drin, dass z.B. Schüler und auch die Migrantenschüler, in der Bewältigung und der Organisation ihrer alltäglichen Aufgaben sehr gut abschneiden. Da dies ja kein Schulfach ist müssen die Schüler sich das irgendwo anders beigebracht und entwickelt haben, und da sehe ich auch eine Chance, dass man in der Stadt Menschen zusammen bringt, die erfolgreich in Anführungszeichen ihr Leben gemeistert haben. Das kann sowohl die Hausfrau mit den 6 Kindern sein, oder der Unternehmer sein, oder der Künstler, der gedacht hat, mit seinen ersten Bildern nie etwas zu verdienen. Dafür braucht es einen Raum. Ein Budget. Sicherheit. Weil die unterschiedlichen Kulturen in der Stadt die jeweils anderen ja nicht sofort ganz toll finden. Weil wir ja auch inzwischen in der Stadt nur noch darüber reden, wo man am besten alles Video überwacht, Polizeipräsenz, Wohnraumsituation, zu wenig Wohnungen. Aber ich glaube, es wird das eine nicht ohne das andere gehen, und man könnte es über die Stadt als Lernort hin bekommen, dass Menschen, z.B. ältere Menschen, die viele Zimmer haben, aus Lerninteresse heraus, diese mit anderen teilen, oder spinne ich da etwas?
Herz: Wir dürfen uns überhaupt keinen Denkverboten unterwerfen sondern es beginnt immer damit genau hin zu schauen, was ist hier die gesellschaftliche Situation für eine einzelne Person. Weil, wer in Hamburg- Blankenese wohnt, hat eine so unterschiedliche Lebenswelt von einem Menschen in Gelsenkirchen, in einem multi- kulturellen Stadtteil. Ohne das man allgemeine Prinzipien formulieren kann, was braucht wer zur Bewältigung eines autonomen, eines sinnvollen Lebens in seinem Kontext, und diese Personen müssen dann mit anderen Kontexten in Beziehung gebracht werden, um der Enge der bisherigen Tradition nicht zu erliegen.
F: Was brauchen wir dafür?
Herz: Wir brauchen Begegnungssorte. Und wie diese Begegnungsorte sinnvollerweise aussehen sollen, muss sich gestalten entwerfen, realisieren, ausgehend von der spezifischen Situation. Weil in Leipzig- Grünau das anders ist als in der Südvorstadt, und deswegen kann ich nur regionale Antworten finden, aber die nicht verabsolutieren, und Grünau und Südvorstadt wieder in einen Zusammenhang zu bringen. In der gegenwärtigen Situation sehe ich fremde Kulturen als eine solche Bereicherung an. Das müssen wir aber organisieren und keine neuen Ghettos bilden, für die und für die und für die.
F: Das wird ein Abenteuer, oder?
Herz: Ein freudvolles Abenteuer. Es gibt doch nix besseres als ein Abenteuer. Und Lernen ist das Beste und schönste Abenteuer, das es gibt.

Zu Otto Herz :    https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Herz

Zu Alfred Fuhr :  http://ip-dialog.de/218/fuer-sie-im-ip-dialog-team-alfred-fuhr/