Die “kleinen” Transformationen: Bürgerengagement vor Ort

Große gesellschaftliche Veränderungen müssen von vielen Akteuren mitgetragen werden. Das gilt auch für die Große Transformation, den Wandel zur klimafreundlichen Gesellschaft. Auch Bürger, die eine Transformation im Kleinen beginnen, können “Pioniere des Wandels” sein.“Die Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft gehört auf den ersten Blick zu jenen Herkulesaufgaben, die nach menschlichem Ermessen als unlösbar gelten”, schreibt der WBGU in seinem Hauptgutachten zur Großen Transformation. Denn “zu große Ziele können in knapper Zeit von zu wenigen Akteuren nicht erreicht werden”. Häufig führen solche Feststellungen zu Resignation. Manchmal können sie aber auch Kräfte freisetzen.

So wie bei den rund 130.000 Bürgern, die sich mittlerweile an Energiegenossenschaften beteiligen. “Alleine im vergangenen Jahr 2013 sind die Mitgliederzahlen um fünfzig Prozent angestiegen”, sagt Andreas Wieg, Sprecher des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV). Sein Verband hat den rasanten Anstieg der Energiegenossenschaften in einer Studie untersucht. Mit den genossenschaftlichen Energieprojekten werden inzwischen mehr als 580 Millionen Kilowattstunden Ökostrom erzeugt. “Damit können ungefähr 160.000 Haushalte versorgt werden”, so Wieg. Im Durchschnitt erzeugt eine Genossenschaft Strom für knapp 300 Haushalte. Die Mehrheit, rund 53 Prozent, setzt dabei auf Solarstrom, etwa 41 Prozent investieren ihr Kapital in Windkraftanlagen. “Die Bürger wollen aktiv an der Energiewende teilhaben, den Weg mitgestalten”, fasst Wieg die Studienergebnisse zusammen.

Besorgte Eltern werden zum Energieanbieter

So ging es auch Ursula Sladek, als 1986 die radioaktive Wolke aus Tschernobyl über das südbadische Schönau zog. Damals wuchs in ihr der “dringende Wunsch etwas zu tun”. Was als einfacher Protest gegen Atomkraft anfing, ist heute der größte ökologische Stromanbieter in Deutschland: die Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Gut 27 Jahre nach Tschernobyl ist Ursula Sladeck für ihr Engagement mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio würdigte Prof. Eicke R. Weber vom Fraunhofer-Institut ISE ihre Leistung als “ein Beispiel für lokales, genossenschaftliches Engagement, das andere zum Nachahmen anrege und beweise, dass regionale Initiativen wahnsinnig viel erreichen können”.

Rund 150.000 Kunden beliefert die aus der Bürgerinitiative “Eltern für atomfreie Zukunft” heraus entstandene EWS heute mit Ökostrom – und das bundesweit. Der Weg allerdings war steinig. Gegründet 1994 verfolgte die EWS von Anfang an das Ziel, das örtliche Stromnetz zu übernehmen. Drei Jahre später, nach viel Aufklärungsarbeit, Beseitigung von Widerständen und dem Werben um das nötige Kapital, war es geschafft. 2009 wurde die EWS dann in eine Genossenschaft umgewandelt und aus den ursprünglich 30 Gründern wurden mehr als 3000 Genossen. Für Ursula Sladek allerdings noch kein Grund sich zurückzulehnen. Für sie ist der Deutsche Umweltpreis eine “Aufforderung, die Energiewende in Bürgerhand weiter voranzutreiben”.

Sladek ist deshalb auch Mitinitiatorin des “Bündnis Bürgerenergie”. Elf Organisationen haben sich zusammengeschlossen und wollen die Idee der Bürgerenergie wirksamer vertreten. “Fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom stammt aus Anlagen, die Bürgern gehören”, teilte das Bündnis anlässlich seiner Gründung am 28. Januar 2014 mit. “Damit ist die Bürgerenergie der Marktführer der Energiewende”. Kompetenzzentrum wollen sie sein, für alle Fragen der Bürgerenergie und sie wollen dafür sorgen, dass die Energiegenossen und ihre Projekte nicht unter die Räder der großen Politik geraten.

Nachahmer in ganz Deutschland

Das Modell der EWS gilt in zahlreichen anderen Kommunen inzwischen als Vorbild. Selbst in Berlin ist man auf die “Schönauer Stromrebellen” aufmerksam geworden. Nach ihrem Vorbild wurde 2012 die BürgerEnergie Berlin gegründet mit dem erklärten Ziel das Berliner Stromnetz zu übernehmen. Ein anderer Maßstab aber die gleiche Motivation – das Stromnetz in Bürgerhand. Während in Schönau die Energieversorgung von etwa 24.000 Einwohnern zu Debatte stand, sind es in Berlin 3,5 Millionen. Ein ungewöhnliches Vorhaben, denn “in der Regel werden Energiegenossenschaften eher in ländlichen Regionen gegründet”, so Wieg. Zudem geht es um mehrere hundert Millionen Euro und mit Vattenfall ist einer der größten Energiekonzerne Europas der Vertragspartner. Fraglich also, ob die Berliner Genossen das notwendige Kapital zusammenbekommen und eine ähnliche Erfolgsgeschichte vorweisen können wie Ursula Sladek und ihre Mitstreiter.

Ganz in der Nähe Schönaus ist ein Projekt entstanden, das die Versorgung einer ganzen Region bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien umstellen soll. Das ehrgeizige Ziel hat sich die Solarcomplex AG aus Singen am Bodensee gestellt. Rund 1000 Aktionäre unterstützen bisher das Vorhaben der im Jahr 2000 von 20 Bürgern gegründeten Aktiengesellschaft. Und auch politische Unterstützung gibt es: Der Kreistag in Konstanz verabschiedete 2003 eine Resolution, die das Ziel der Versorgung kreiseigener Liegenschaften aus erneuerbaren Energiequellen bis 2030 setzt. Um die Bodenseeregion als Energie-Landschaft erlebbar zu machen, bietet Solarcomplex regelmäßig Erlebnistouren an und präsentiert dabei die Vielfalt erneuerbarer Energienutzung in der Region. Eine Bildungsinitiative also, um die Unterstützung für das Projekt noch zu vergrößern. Denn eine Studie hat gezeigt, dass die regenerativen Energiepotenziale im Bodenseeraum voll ausgeschöpft werden müssen, um das Ziel bis 2030 zu erreichen – und dafür müssen alle mitmachen.

http://www.die-buergerenergiewende.de/