Prof. em. Dr. Vladimir Golstein,Yale University : Gedanken zur Russischen Kultur.

[ Gastbeitrag von Prof. em. Dr. Vladimir Golstein, Slavic Studies, Yale University, , USA.  – [ GvN ] Wir danken Countess Sigrid von Galen , London, für die Übersetzung ]

Einige Gedanken zu Russischer Kultur. Natürlich ist dies ein komplexes Thema, und es gibt so viele Meinungen dazu wie es Menschen gibt, die jemals in Russland gelebt haben oder es studiert haben. Als jemand, der beides getan hat, wuerde ich gerne meinen Hut in die Arena werfen. Aus einem einfachen Grund, da die russische Kultur – in ihrer reinsten Form – in meinen Augen die schillerndste, lebhafteste und kreativste ist.

Ihre Energie ist beispiellos, und es ist sehr traurig, wenn Russen, anstelle sie zu umarmen und sie auszuleben, die Kruemmel von westlichen Tischen vorziehen, von den Tischen, die nicht einmal denen, die geladen sind viel zu bieten haben, geschweige denn fuer diejenigen, die auf die Kruemmel warten.

In diesem Sinne laesst Dostojevsky seine seherische und heilige Zosima folgenden Rat an Alyosha Karamazov geben: ‚Das Leben wird Dir viel Leid bringen, aber Du wirst Glueckseligkeit in allem Unglueck finden, und wirst das Leben segnen und wirst andere dazu bringen, es zu segnen – was am wichtigsten ist.‘

Dostojevsky bringt auf den Punkt, was ‚am wichtigsten‘ ist. Der Segen des Lebens im Licht von Leid und Unglueck. Darüberhinaus ist es nicht der Segen fuer einen Einzelnen, sondern, was am wichtigsten ist, sind ‚die Anderen‘, ihr Seelenfrieden.
Ihre Faehigkeit, das Leben zu segnen.

Was wir hier erleben, ist die unglaubliche Lebenskraft vereint mit ebenso unglaublicher Nüchternheit und unerschütterlichem klaren Blick.

Hier gibt es keine Illusion. Das Leben bringt Leid. Aber trotzdem, es tut mehr als das. Es ist ebenso erstaunlich, dass es gesegnet werden sollte. Und wenn Du mit der Fähigkeit gesegnet bist, zu sehen, dass das Leben so besonders und wundervoll ist, dass es verdient, gesegnet zu werden, dann ist es Deine Aufgabe, andere zu lehren, es auch so zu sehen.

Es gibt immer die Anderen. Leben ist immer und überall. Was den Menschen angeht, die Kreatur mehr als die Schöpfung, versuchte Dostojevsky es so zu beschreiben: „unter den Umständen eines völligen Realismus ein menschliches Wesen in einem Menschen zu finden“. (27,65). Mit anderen Worten, etwas zu sehen, das würdig ist, gesegnet zu werden, während man gleichzeitig die unerwünschten realen Gegebenheiten anerkennt.

Tolstoy sagte dasselbe bezüglich der übergeordneten Bedeutung, das Leben zu segnen:“Der Zweck eines Künstlers besteht nicht darin, ein Problem ein für allemal
zu lösen, sondern Menschen dahin zu führen, das Leben in all seinen unzähligen, niemals erschöpften Manifestationen zu lieben…Hätte ich es sicher gewusst, dass meine Bücher von den heutigen Kindern gelesen werden, und dass sie in zwanzig Jahren darüber weinen und lachen werden und immer noch das Leben lieben, dann hätte ich mich der Aufgabe und alle meine Mühen gewidmet, mein ganzes Leben lang zu schreiben.“

Hier ist es wieder, was am
wichtigsten ist, ist, andere zu lehren, das Leben zu segnen.

Was diese Russen anbieten, ist eine andere Version von Jobs ‚Gott gibt es, Gott nimmt es, gesegnet sei der Name des Herrn.“
Aber da, wo Job den Namen des Herrn segnet, der Herr aller Schöpfung, betonen die Russen auch Seine wundervolle und wundersame Schöpfung. Sie ist gesegnet, obgleich sie immer wieder als verflucht erscheint.

Die Juden, im Licht all ihres Leidens, brauchten dieses Beispiel von Job. Job – mit seiner Mischung von Rebellion und Geduld, von Hinterfragen und Akzeptieren, von unglaublichem Leiden und die Fähigkeit, mit Gott zu kommunizieren, hatte der gesamten Menschheit für lange Jahre in die Zukunft gedient, indem er den Menschen heraus half aus ihrer dunkelsten Verzweiflung.

Wie Dostojevsky, ein Bewunderer des Buches von Job, bemerkte „Job, indem er den Herrn lobt, dient nicht nur ihm, sondern all
Seiner Schöpfung für Generationen und Generationen, und für immer und ewig.“
Wiederum, welchen Dienst leistet Job? Die Lektion des Segnens, die Lektion, die Verzweiflung in Segen zu verwandeln. Das ist die Lektion der Lebenskraft, die Lebenskraft, die das Leben bestätigt, die die Juden am Leben erhielt durch den Lauf ihrer leidvollen Geschichte, und die Russen durch ihre ebenso schmerzhafte.

Obwohl das religiöse Fundament in der russischen Kultur offensichtlich ist, ist das, was sie so besonders macht, ihre Fähigkeit, auf Gegensätzen aufzubauen: Verzweiflung und Segen, Nihilismus und Idealismus, Träume und unnachgiebiger Blick – alle auf die Bestätigung des Lebens konzentriert. Niemand kann es wahrscheinlich besser als die Russen mit der einzigen möglichen Ausnahme von Shakespeare.

Wir können etwas ähnliches in Pushkin sehen:

„Glücklicher Mann, Du lebst für das Leben“. Oder: „Ich will leben, sodass ich denken und leiden kann“. Ist es nicht wie bei Dostojevskys „Das Leben wird Dir Unglück schicken, aber Du wirst Glückseligkeit in ihm finden“?

Oder Pushkins berühmte Worte, die er 1831 an seinen engen Freund Pletnev schrieb, als dieser verzweifelt war im Zusammenhang mit dem Tod ihres Freundes:“Du haderst wieder. Diese Depression ist schlimmer als die Cholera, die eine toetet den Körper, die andere – die Seele. Delvig ist gestorben, Molchanov ist tot, Zhukovsky wird sterben, und so werden wir.

Aber das Leben ist immer noch lebenswert: Wir werden neue Bekanntschaften machen, neue Freunde werden reifen, Deine Tochter wird wachsen und eine Braut werden, wir werden alte Kumpel, und so würden auch unsere Frauen, aber die Kinder werden extrem gut, die Jungen werden flirten, die Mädchen – hart zu bekommen, und wir werden es alles genießen.“

Dieses Bedürfnis, für das Leben zu leben, das Leben in all seiner Verschiedenheit und mit seinen Widersprüchen, diese wundervolle „diese Welt-Zentriertheit“ gepaart mit tiefer Spiritualität und Anerkennung anderer Welten – es ist dieser Balance-Akt, der die russische Kultur so einzigartig und lebensbejahend macht.