Erinnerungen… Gastbeitrag von Malca Goldstein Wolf

[ Gastbeitrag von Malca Goldstein Wolf ] Mein Vater, Jahrgang 1927, hatte immer geschwiegen. Ich wusste, dass er mit 17 Jahren aus Rumänien mit der Exodus nach Palästina kam, kurz nachdem er seine Mutter, die gelähmt war und die er viele Jahre gepflegt hat, begraben hat.
Nach der unerträglichen ARTE Doku hatte ich nochmal einen Versuch unternommen, mit ihm über seine Vergangenheit zu sprechen.
Es fiel ihm schwer, sein Leid in Worte zu fassen und es fiel mir schwer, zu sehen, wie er jedes Wort schmerzerfüllt herauspresst.

Mit tränenerstickter Stimme sprach er von der Armut, die in Rumänien herrschte.
Zu viert gab es ein Brot, dass 24 Stunden sättigen musste. Sein Stückchen schlang er sofort herunter, der Hunger war so groß, er konnte sich nicht beherrschen. Die Mutter wusste das und aß ihre Portion immer so langsam, dass noch etwas übrig blieb.
„Hier, Jancale, iß noch ein Stückchen“ und sie reichte ihm das Wenige, dass sie selbst eigentlich zum Überleben brauchte.
Kleidung oder Schuhe gab es nicht, mein Vater schaute beschämt nach unten, „ich war in Lumpen gehüllt“. Seine ältere Schwester machte sich, um dem Elend zu entkommen, mit zarten 16 als erste auf den Weg nach Palästina.
Mein Vater wollte seine Mutter, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt war und die er, während mein Großvater versucht hat Arbeit zu finden, gepflegt hat, nicht alleine lassen.
Die Nazis waren auch in Rumänien, irgendwie hat der König, so erinnerte sich mein Vater, die Juden aber zuerst schützen können. Mein Vater ging nicht näher darauf ein. Jedes Wort fiel ihm schwer. Als seine Mutter dann starb, war es in Rumänien eiskalt und es lag hoher Schnee, so dass er warten musste, bis sich die Wetterlage verbesserte, um seine Mutter begraben zu können. Ihm kullerten dicke Tränen über die Wangen, ich musste auch weinen. Ich hätte den kleinen Jancu so gerne vor all dem Leid beschützt und gerettet.
Ich spürte seinen Schmerz auch auf meinen Schultern, so wie ich den Schmerz unbewusst schon immer gespürt habe.
Das Gefühl von Leichtigkeit gab es in unserer Familie eigentlich nie.
Es war mir nicht so richtig bewusst, aber auch mein Herz war immer schwer und es gab da immer das Gefühl etwas wiedergutmachen zu wollen, das ich gar nicht verschuldet habe.
Wir saßen also in meinem Auto vor dem Supermarkt und beweinten den kleinen Jungen, der seine innigst geliebte Mutter, von der er sagt, dass sie der gütigste Mensch auf der Welt war, so früh verloren hat.
„Schau dir „Exodus“ mit Paul Newman an, das ist meine Geschichte“.
Er erzählte, dass sein Cousin ihn holte und sie beide britische Militäruniform trugen, als sie mit der Exodus über Marseille nach Zypern kamen. Er sagte, dass sie von den Engländern im Flüchtlingslager gut behandelt wurden und sie irgendwann auf ein Mini Schiff verfrachtet wurden. Mein Vater gestikuliere aufgeregt, um mir zu zeigen wie klein dieses Schiff war. Er sagte es war so winzig und es war ein Wunder, dass es diese Menschenmasse tatsächlich wohlbehalten nach Haifa brachte.
In Palästina lernte er auch Shimon Perez kennen, er erzählte, dass dieser Land an polnische Juden verschenkte, rumänische Juden empfand er, wurden zweitklassig behandelt, für sie gab es kein Land.
Ich fragte ihn, wie das Leben dort war und er antwortete, es sei hart gewesen, es gab kaum etwas zu essen, keine Arbeit, aber es gab diesen Pioniergeist, diese Hoffnung auf einen jüdischen Staat und den unbedingten Willen, den zionistischen Traum wahr werden zu lassen.
Er könne sich noch heute daran erinnern, wie sie am 14.Mai 1948 stundenlang vor der Knesset, die sich zu der Zeit an der alten Oper befand, ausharrten, um auf Ben Gurion zu warten.

Ben Gurion fuhr mit seinem Cadillac vor und verlas unter frenetischem Jubel die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel. Ich hörte meinem Vater begeistert zu, mein Herz klopfte aufgeregt mit und ich war gerührt, in seinen Augen auch nach all den Jahren noch die Begeisterung über dieses jüdische Wunder entdecken zu können.
Gestern Abend habe ich mir Jahrzehnte später wieder „Exodus“ angesehen, diesmal um auf den Spuren meines Vaters zu wandeln.
60 Jahre ist der Film alt und er hat nicht an Bedeutung verloren. Auch heute noch, muss Israel täglich ums Überleben kämpfen, auch heute noch leiden Juden unter dem arabischen Hass. Aus dem ehemals brachen Land, ist eine hochmoderne, stolze und fruchtbare Metropole geworden. Der Hass aber ist geblieben.
Im Film sagt der junge Ari Ben Kanaan: „Wir haben keine Freunde, wir sind auf uns alleine gestellt“.
Und auch nach 60 Jahren gilt diese Erkenntnis immer noch.
Auch wenn es eine Filmrolle war, so steht Ari Ben Kanaan für all die mutigen, jungen Menschen, die den Staat Israel mit Schweiß und Herzblut gegründet haben.
Statt „diplomatischem Geplänkel“ waren klare Worte und mutiges Handeln gefragt, es geht bis heute darum, das Überleben dieses kleinen Landes zu sichern. Schwäche können sich Israelis bis heute nicht leisten und ich fühle einen großen Respekt vor diesen Helden und mein Herz ist voller Liebe für dieses Land.
Wie kann man kein Zionist sein, im Anblick dieses Wunders und in der Verantwortung die Existenz von Eretz Israel zu sichern?